Allgemein · Gedanken

Das Anti-Scheuklappen-Prinzip

Wir schauen nach links und rechts. Das ist normal, aber ist es gut und okay, das zu tun? Wenn ich mir eine Zeitschrift anschaue, in den sozialen Netzwerken unterwegs bin oder generell im Internet surfe, wird das Umschauen immer verurteilt. „Mädels, achtet nur auf euch!“, „Schaut nicht auf andere.“ und „Macht nur euer Ding!“ heißt es da. Sehe ich das auch so?

Ja und nein.
Wenn ich das Verhalten von Menschen, die ich gut kenne, aber auch von Menschen, die ich nur flüchtig auf der Straße sehe, beobachte, macht es wohl jeder. Egal, ob nur durch Blicke, durch Gestik und Mimik, oder aber auch direkt über Gespräche über andere Personen. Mich selber schließe ich da nicht aus. Kann man solche Gewohnheiten überhaupt mit einfachen Floskeln und kleinen Tipps mit erhobenen Finger ändern? Nein, ich denke nicht. Das ist die Natur des Menschen und es ist auch normal. Und okay.

antiquitäten

Was man allerdings ändern sollte, ist die Art und Weise des „Nach links und rechts schauen“; das Anti-Scheuklappen-Prinzip nenn ich es mal. Denn die meisten Menschen sehen nur das, was sie sehen wollen. Sehen den Mann mit dem Sixpack, die Geschäftsfrau mit dem teuren Laptop auf dem Schoß oder die glücklichen Kinder auf dem Schulhof, die noch so viel Zeit und so wenig Sorgen haben. Und vergleichen sich; setzen sich unter Druck und ziehen daraus ihre Konsequenzen und Schlüsse für ihr eigenes Handeln. Ich habe eine viel größere Nase als sie. Ich werde nie so erfolgreich, wunderschön und sportlich sein wie er. Ich bin zu faul für sowas, zu dumm und zu hässlich. Und so künstlerisch oder musikalisch wie andere schon gar nicht!
Wenn ich hier in der dritten Person Plural rede, möchte ich mich von dem Phänomen nicht ausschließen. Ich bin wohl die letzte, die da mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere Leute zeigen sollte und aus reiner vernünftigen und ausgeglichen Erfahrung mit dem eigenen Tun spricht. Eher aus Unvernunft und Erfahrung, die ich selber mit diesen Gedanken habe.

grün

Was ich sagen möchte (und mich selbst damit auch erinnern): Nach links und rechts schauen ist okay. Aber dann schau auch genau hin. Schau auch die Menschen an, die ohne Essen, ohne Dach über dem Kopf am Straßenrand sitzen. Schau auf den Rollstuhlfahrer, der bei einem Unfall sein linkes Bein verloren hat. Schau in die traurigen Gesichter von Menschen, die auch im Alltag ihre Probleme haben. Und wenn du schon dabei bist, dann blick in die Augen des durchtrainierten Mannes, der erfolgreichen Frau und der spielenden Kinder. Auch für sie besteht das Leben nicht nur aus Glück und Zufriedenheit.
Jeder hat seine Probleme. Jeder seine Fehler, seine Gedanken, seine Ängste. Und dann ist es okay, nach links und rechts zu schauen, dem Anti-Scheuklappen-Prinzip zu folgen. Aber nur, wenn man auch überall und hinter die Fassaden blickt. Da erkennt man manchmal ganz andere Geschichten.

Und plötzlich geht es uns doch ganz gut.

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3 Kommentare zu „Das Anti-Scheuklappen-Prinzip

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