Gedanken

Generation Leistungsdruck

Ich bin gestern Morgen aufgewacht. Ich war gesund. Meine Familie war glücklich. Meinen Freunden ging es gut. Ich hatte ein Dach über dem Kopf, der Kühlschrank war gefüllt und ich hatte meinen morgendlichen Kaffee. 

Und dann fing der Tag an. Meine To-Do-Liste ewig lang, voll mit Punkten, die es abzuhaken galt. Keine Termine oder festen Verpflichtungen. Dafür Telefonate, Mails, Sport, Putzen, Uniprojekte, Einkaufen, Waschen, Recherchen, Blogbeiträge und und und…
Von morgens bis abends saß ich am Schreibtisch vorm Laptop und wenn ich gerade da nicht war, konnte man mich im Fitnessstudio, im Supermarkt oder beim Wäsche aufhängen finden. Und als ich dann gegen Abend die Hälfte meiner Liste erledigt hatte und kaputt ins Bett gefallen bin, die restlichen Punkte morgen erledigen wollte, hatte ich ein schlechtes Gewissen.
Sollte ich nicht doch lieber jetzt noch einen Beitrag schreiben? Ich könnte ja noch für das eine Projekt weiter recherchieren. Vielleicht sollte ich das Foto lieber heute noch bearbeiten? Eigentlich könnte ich auch mal wieder ein Buch lesen…

Wir sind Generation Leistungsdruck. Praktisch jeder macht Abitur, studiert und will einen hoch bezahlten Job bekommen. Da reicht nicht mehr der „normale“ Weg. Neben der Uni, sollte man mindestens zwei Fremdsprachen perfekt beherrschen, sich politisch und sozial engagieren, durch die Welt gereist sein, nur Einsen schreiben, neben dem Studium 20 Wochenstunden arbeiten, fünf Praktika in seinem angestrebten Bereich gemacht haben, Blogger oder Influencer sein, sich für die Umwelt, den Arten- und Klimaschutz einsetzen, zwanzig Welpen bei der Geburt geholfen, eine eigene Firma gegründet und einen neuen Planeten entdeckt haben und mindestens eine Amtszeit Bundeskanzler gewesen sein.
Mindestens.

Ich bin quasi schon gestresst von dem Stress von dem ich in Zukunft gestresst sein werde. Mein Kopf explodiert und ich habe die ganze Zeit tausend Tabs geöffnet. Von Dingen, die ich noch nicht erledigt habe. Die ich heute machen muss. Und die die nächsten Tage anstehen.
Ich mache mir Gedanken über Dinge, die ich nicht tue. Was ich alles noch tun könnte, um herauszustechen. Zwischen all den engagierten und intelligenten Menschen. 

Kaffee2

Und ich möchte mich nicht beschweren. Gegen Berufstätige mit 40 Wochenstunden, alleinerziehende Mütter oder Väter, Leuten mit drei Jobs etc. habe ich wirklich ein entspanntes Leben. Ich mache genau das, was mir Spaß macht und ich genieße genau den Moment, wo ich mich gerade befinde. Ich wertschätze die ganzen Möglichkeiten, die ich habe und all das, was ich tuen darf und noch tun könnte. Mein Leben ist genau so perfekt für mich, wie es ist. Für manche nehme ich mir zu viel vor, für andere vielleicht noch zu wenig. Für mich ist es ideal. Ich liebe mein Leben, mein Studium, meine Familie, meine Freunde, mein Zuhause, meine Möglichkeiten und all die Wege, die ich gehen kann. Von denen ich speziell sogar gern noch mehr nutzen würde, um alles Mögliche aus meinem Leben rauszuholen.

Es gibt nur eben diese eine Sache, die mich stört und damit bin ich wahrscheinlich in unserer Generation nicht allein: Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich nach 9 Stunden Laptop- und Hausarbeit, sowie Sport in meinem Bett liege und eine Folge von einer Serie schaue.
Und das ist nicht richtig. Nicht gut und gesund so. Ich möchte nicht in einer freien Minute darüber nachdenken (müssen), was ich in der Zeit sinnvolles tun könnte, um mein Portfolio zu erweitern. Obwohl ich eigentlich glücklich und zufrieden da bin, wo ich mich gerade befinde. 

Und so ist gerade doch schon ein Punkt weniger für morgen auf meiner Liste; mein neuer Blogbeitrag. Den ich jetzt doch heute ganz spontan geschrieben habe, was mich auch irgendwie entspannt hat, aber irgendwie eben auch doch ein Punkt auf meiner Liste war. Ist es denn dann jetzt falsch, glücklich zu sein, dass ich jetzt doch noch produktiv war und meine Gedanken niedergeschrieben habe? Ich weiß nicht; wahrscheinlich nicht. Weil es mich glücklich gemacht hat, befreit. Aber trotzdem muss ich lernen, dass es okay ist, auch mal nichts zu machen und nicht ständig im Leistungsdruck zu sein.
Dabei helfen folgende Gedanken:

Ich bin heute Morgen aufgewacht. Ich bin gesund. Meine Familie ist glücklich. Meinen Freunden geht es gut. Ich habe ein Dach über dem Kopf, der Kühlschrank ist gefüllt und ich hatte meinen morgendlichen Kaffee. 

Advertisements

Ein Kommentar zu „Generation Leistungsdruck

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s