Allgemein · Gedanken

Anonym und Still: Bahnfahrten

Am Montag habe ich ein Gespräch geführt, das mich nachdenklich gemacht hat.
Es ging um Bahnfahrten. Steigen wir ein, um von A nach B zu kommen, als Mittel zum Zweck? Oder erreichen wir mit den anderen Mitfahrenden zusammen ein Ziel? Ganz ehrlich, auch wenn die zweite Vision schön ist und poetisch mit Sicherheit sehr wertvoll klingt: Für mich dient die Fahrt mit der Bahn lediglich dazu, einen anderen Ort zu erreichen. Meistens allein auf dem Weg zur Uni, zum Sport oder zu Freunden, manchmal gemeinsam in die Stadt oder auf dem Weg in ein Café oder zum Essen. Auf manchen Fahrten höre ich nur Musik und schaue aus dem Fenster, oft nutze ich die Zeit, um Nachrichten zu beantworten, die schon lange liegen geblieben sind.

So oder so: Die meisten Bahnfahrten verbringe ich still und in mich gekehrt mit Kopfhörern in den Ohren und entspannten Gesichtsausdruck, der viel zu oft als traurig oder nachdenklich interpretiert wird. Mit diesem Verhalten Reihe ich mich ein. Die meisten verbringen ihre Fahrten so. Wenn geredet wird, dann von Freunden, Verwandten oder Paaren, die gemeinsam fahren.

Genau darüber haben wir uns Montag mit ein paar Freunden im Park unterhalten. Und wir hatten alle die gleiche Meinung: Bahnfahrten wären so viel spannender, wenn man sich mit anderen Menschen unterhalten würde; Geschichten von ihrem Tag, ihren Erlebnissen, ihren Zielen hören würde. Die Zeit würde so viel schneller vergehen und sie wäre viel schöner genutzt. Denn genau solche Momente bleiben in Erinnerung. Und sind wertvoll – für beide Seiten.

Aber keiner von uns fängt Gespräche an, alle hören Musik oder beantworten belanglose Nachrichten. Warum? Keine Ahnung, ich mache es ja selber. Vielleicht weil es erwartet wird, vielleicht weil es der Norm entspricht. Keiner setzt sich in einen Vierer in die Bahn neben eine andere Person und fängt ein Gespräch an, wenn ein anderer Platz ohne Nachbar auch noch frei ist. Nicht, weil man sich nicht traut oder weil man es nicht möchte. Aber man möchte auch die andere Person nicht stören. Beim Musik hören. Oder belanglose Nachrichten beantworten.

Ich glaube nicht, dass jeder Mensch Lust hat, in Bahnen Gespräche zu führen. Viele wollen mit Sicherheit ihre Ruhe. Viele mögen keine Gespräche mit Fremden oder wissen es noch nicht. Viele wollen einfach nur Musikhören oder haben echt etwas zu tun. Und das ist total in Ordnung! Jeder Mensch soll nur das tun, was er möchte und nicht jeder denkt so, was keinesfalls schlechter ist.

Aber wenn sich sechs Leute im Park darüber unterhalten und alle einstimmig der Meinung sind, sie würden gern öfter die Norm durchbrechen und mehr Reden, mehr Lächeln, mehr Momente sammeln: Wie viele wollen genau das dann auch? Und strahlen gleichzeitig das Gegenteil aus?
Vielleicht sollten wir öfter die Kopfhörer aus den Ohren nehmen und das Handy in die Tasche legen. Und wenn wir selber keine Gespräche anfangen, dann vielleicht trotzdem offen sein für ebensolche. Und vor allem immer lächeln.

 

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Ein Kommentar zu „Anonym und Still: Bahnfahrten

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